Zurück zur Übersicht "Star Trek: The Next Generation"


Cover von "Die Augen der Betrachter" Star Trek: The Next Generation #15
Die Augen der Betrachter
(Titel der Originalausgabe: Eyes of the Beholder)
Autorin: Ann C. Crispin
1992, Heyne
Heyne-Best.Nr. 06/4914
ISBN 3-453-05837-2
253 Seiten

Die Enterprise erhält den Auftrag, in einem neu eröffneten Raumsektor nach verschwundenen Schiffen, unter anderem einem klingonischen Schiff und Frachtern der Föderation, zu suchen. Da bisher jedes Schiff, das diesen Raumsektor untersuchen wollte, nicht zurückgekehrt ist, ist auch das Risiko für die Enterprise groß. Als eine Ionenspur eines Frachters entdeckt wird, wird das Schiff von einem Kraftfeld erfaßt, das es auch unter größter Anstrengung nicht verlassen kann. Picard und seinen Leuten bleibt nur zu warten, wohin der Traktorstrahl sie schleppt.

Unterdessen arbeitet Data an seiner neuesten Kreation - er schreibt einen Roman, den er den anderen Offizieren zu lesen gibt... Und keiner wagt zu sagen, daß ihm Datas Werk nicht gefällt. Dr. Selar kümmert sich seit einigen Monaten um ein andorianisches Waisenkind namens Thala. Das Mädchen hat erst vor kurzem seinen Vater in der Borgattacke verloren und ist zudem blind... Und Andorianer dulden keine körperlichen Behinderungen. Fieberhaft suchen Selar und Beverly nach einem Ausweg, das Mädchen vor dem Schicksal, in einem andorianischen Heim zu versauern, zu retten.

Die Enterprise kann schließlich eine Nachricht eines Frachter entschlüsseln, die darauf hinweist, daß die gesamte Besatzung dem Wahnsinn zum Opfer gefallen ist. Kurze Zeit später läßt der Traktorstrahl nach, und die Brückencrew sieht ein Artefakt vor sich, dessen Gestalt in allen (außer Data und Geordi) schwerste Übelkeit und später emotionale Krisen hervorruft. Kurze Zeit später verliert Troi das Bewußtsein, das Gefühl des Wahnsinns, der auf den anderen Schiffen herrscht, überwältigt sie.

Picard schickt ein Außenteam auf den Föderationsfrachter, um die Überlebenden zu bergen. Diese sind in äußerst schlechtem Zustand, einige im Koma, andere leiden an Verletzungen, die sie sich selbst zugefügt haben etc. Wenig später beginnen auch auf der Enterprise einige, an unglaublich realistischen Träumen zu leiden - und als sich eine Krankenschwester umbringt, ist klar, daß auch auf diesem Schiff nicht mehr viel Zeit bleibt, dem Einflußbereich des Artifakts zu entfliehen...

"Die Augen der Betrachter" vereint eine interessante Geschichte mit einer Menge an Charakterisation. Besonders Selar, Data und Geordi werden hier beleuchtet.

Die Handlung rund um das Artefakt bietet eine Vielzahl guter Wendungen und zeigt, daß es wirklich im Auge des Betrachters liegt, was eine Waffe ist und was nicht. Ein wenig zu schnell wird mir allerdings davon abgegangen, daß man dieses Ding zerstören muß - wenn man bedenkt, welche Auswirkungen es bereits auf die Enterprise gehabt hat, so sind mir Riker und auch Worf zu rasch von den friedfertigen Absichten der Konstrukteure überzeugt. Hier hätte ich eine andere Vorgangsweise bevorzugt: Nämlich, daß auch ein zweiter Angriff nichts bringt, dann erst Data sich auf das Artefakt begibt und seinen Zweck erkennt. Das wäre meiner Meinung nach plausibler gewesen.

Crispin bietet in diesem Roman wiederum eine große Zahl an interessanten Dialogen und Charakterinteraktionen. So wird auf das Dreieck Beverly-Jack Crusher-Picard hingewiesen, dazu auch noch auf die besondere Beziehung zwischen Riker und Troi. Ein guter Aspekt ist auch, daß auf das "Vater-Sohn"-Verhältnis zwischen Wesley und Picard angespielt wird. Allerdings wäre es mir lieber gewesen, wäre Wes zumindest dieses Mal nicht als Genie dargestellt worden. Und warum er plötzlich an Routinebesprechungen teilnimmt, wird hier auch nicht näher erklärt...

Auch die Träume dienen dazu, Lücken in den persönlichen Geschichten der Charaktere zu schließen. So wird wirklich gut dargestellt, wie knapp Picard nach dem Verlust der Stargazer daran war, sich gehen zu lassen. Geordi, Worf und sogar Data erleben Schlüsselmomente ihres Daseins ein zweites Mal. Nur mit Rikers und Beverlys Träumen konnte ich weniger anfangen, da sie zwar Erlebnisse ihres Lebens schildern, die aber keine persönlichkeitsdefinierende Bedeutung haben.

Am besten gefiel mir in diesem Roman allerdings der Plot rund um Selar und Thala. Es ist nur schade, daß diese Entwicklungen keinen Eingang mehr in spätere Bücher fanden. Ich hätte gerne mehr von dem Leben der beiden auf Vulkan gelesen, wie Selar Thalas schmerzliche Erinnerungen lindern kann und sie selbst ihrer eigenen Familie begegnet. Aber schon die TNG selbst (in Folgen nach der Fertigstellung von "Die Augen der Betrachter") widerspricht dieser Handlung, ist doch Selar noch in "Remember Me" auf der Enterprise tätig. Allerdings passiert Crispin auch ein echter Kontinuitätsfehler, als sie Rikers Vater Carl nennt - aus "The Icarus Factor" wissen wir ja, daß er Kyle heißt...

Ich halte es allgemein nicht für klug, daß die verschiedenen Charaktere bei den diversen Autoren unterschiedliche Hintergründe bekommen. So hätte es mir schon gefallen, wäre Peter David beispielsweise in der "New Frontier" auf die Tatsachen eingegangen, die Crispin hier für Selar eingeführt hat. Klar, es ist nicht "canon", aber ich würde mir wirklich wünschen, daß zwischen den verschiedenen ST-Büchern ein wenig mehr Kontinuität herrschen würde. Wenn eine spätere TV-Folge einem Roman widerspricht, dann ist es nicht zu ändern, aber unter den Autoren könnte man sich schon ein wenig absprechen.

Auf Datas Roman hätte ich durchaus verzichten können. Seltsam, wie alle um die Wahrheit herum eiern, nur Troi erklärt ihm, daß er nur von etwas schreiben kann, daß er auch wirklich erlebt hat. Allerdings halte ich Datas Reaktion, den Roman dann zu vernichten, für etwas übertrieben menschlich. Nur wenige Seiten später bekommt er aber die Gelegenheit, wirklich etwas Einzigartiges zu vollbringen...

Alles in allem ist "Die Augen der Betrachter" ein wirklich gut zu lesender Roman, an Crispins Meisterwerke kommt er aber nicht heran.

© Claudia Wlaschütz
(a9401204@unet.univie.ac.at)


Zurück zur Übersicht "Star Trek: The Next Generation"

Cover-Foto: © Pocket Books/Heyne/Paramount Pictures