Angehörigenbetreuung und Angehörige in ihrer Trauer begleiten

Sterbende und ihre Angehörigen

 

Sterben ist etwas Persönliches, Individuelles, ein Rätsel und Geheimnis, eine Erfahrung, der wir uns mit unserer Vorstellung nur annähern können. In der Literatur wird dieser Prozess als Phase intensivsten Lebens beschrieben, als eine Zeit, die gerade unter dem Zeichen ihrer Begrenztheit bewusst als kostbar erlebt oder in einer Abgekehrtheit, in einem Rückzug nach innen genutzt wird, um auf tieferen Ebenen eine Entwicklung zu durchlaufen, die auf den letzten Schritt aus diesem Leben vorbereitet.

Sterbende in ihrer letzten Lebensphase zu begleiten, dies setzt die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit voraus. Nur wer sich mit seiner eigenen Beziehung zu Tod und Sterben befasst, sich im Loslassen von Menschen, Beziehungen und Dingen auf das eigene, endgültige Abschiednehmen einlässt, ist auch fähig, Sterbenden hilfreich beizustehen, sie in ihrer persönlichen Art der Sinnfindung zu akzeptieren und zu respektieren. Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit und Erfahrungen in der Nähe und in der Begleitung von Sterbenden bringen uns auch Möglichkeiten, immer wieder neu mit dem eigenen Leben in Beziehung zu treten und zu einem natürlichen Verhältnis zu Tod und Sterben zurückzufinden.

Von Palliativpflege zu sprechen, ohne die Theorie von den Sterbephasen nach Dr. Kübler-Ross zu erwähnen, wäre wie von Psychoanalyse zu reden, ohne Freud zu nennen. Die Psychiaterin Dr. Kübler-Ross hat beobachtet, dass Patienten in der Terminalphase ihrer Krankheit durch verschiedene Phasen gehen: Schock, Verdrängung, Aggression, Verhandeln, Depression, Annahme. Diese Phasen sind weder unabwendbar noch chronologisch. Tatsächlich beschreibt die Phasentheorie nicht Phasen, sondern mögliche psychische Reaktionen. Jeder Mensch ist anders, sodass einige depressiv, andere von Angst überwältigt werden oder in Schuldgefühlen versinken, wieder andere werden ihre Energien sammeln, um vor dem Unerträglichen zu fliehen.

 

Was Sterbende erleben

Welches sind die Bedürfnisse eines Menschen in der Terminalphase seiner Krankheit?

Der Sterbende bleibt ein Lebender und dadurch auch in seiner Ganzheit Mensch mit all seinen Dimensionen; der physischen, psychischen, sozialen und spirituellen.

Bedürfnis nach respektvoller Anwesenheit und anpassungsfähigem Zuhören

In der progressiven oder brutalen Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens wird der Mensch von heftigen, widersprüchlichen Gefühlen übermannt, die ihn in die Angst treiben. Sie lösen in ihm Empörung und Verzweiflung aus. Der Wille zum Leben, das Gefühl der Ungerechtigkeit rufen in ihm ein Urgefühl des Selbstschutzes aus. Lebenswunsch oder Todeswunsch, Hoffnung oder Aufgeben, intensiv leben oder schnell sterben, etc. das sind die Extreme, zwischen denen er hin und her pendelt, ja taumelt. Das ist ein Grund, weshalb ein Mensch in der Terminalphase einen anderen Menschen braucht, der fähig ist, eine echte Beziehung einzugehen. Das schliesst das anpassungsfähige Zuhören mit ein. Er braucht jemanden, der diese Ambivalenzen annehmen kann. Das Sterben ist die letzte Etappe des Wachsens, und dieser Reifungsprozess verlangt ein ungeheures Mass an Energie. Deswegen sollten wir gegenüber überflüssigen Worten – die nur uns selbst beruhigen – dem Schweigen den Vorzug geben. Zu oft hören wir nicht zu. Wir handeln zu früh und kommen den Wünschen, Fragen, angeblichen Bitten des Patienten zuvor, obwohl

  • zu frühes Beruhigen, eine Mauer der Einsamkeit aufbaut
  • zu frühes Beraten nur ein Aufsetzen unserer Realität ist, und damit verhindert, dass der andere seine eigenen Lösungen findet
  • zu frühes Trösten den reifenden Kontakt mit der Trauer abbricht
  • zu frühes Aufheitern den anderen mehr verletzt als ein Herauslassen von intensiven Gefühlen ermöglicht. Die Fakten können nicht unter dem richtigen Blickwinkel wiedergebracht werden
  • zu frühes Sprechen verhindert, dass der Patient in sich geht, sein Inneres, seine Intimität, seine Intuition sucht.

 

Bedürfnis, im Tod Sinn zu finden

Der Sterbende sucht oft die letzte Antwort auf sein eigenes Leben. Eine Suche, die über das Akzeptieren des Todes hinausgeht. Die Unfähigkeit, einen Sinn in seinem Leben zu entdecken oder bestätigt zu bekommen, verursacht einen seelischen, spirituellen und existentiellen Schmerz. Die Antwort muss nicht unbedingt in einer Religion gefunden werden. Das Bedürfnis, den Tod zu transzendieren, einen Sinn in ihm zu finden, kann manchmal gestillt werden durch die Tatsache:

  • dass die nächste Generation weiterlebt,
  • dass ein Teil von sich selbst als Energie oder im Gedächtnis anderer zeitlos Bestand hat.

 

Was bedeutet begleiten?

Begleiten heisst, im Jetzt und Hier neben den anderen zu stehen, wo er gerade ist, und wann er es wünscht. Es bedeutet, mit tiefer Demut zu akzeptieren, vom Sterbenden geführt zu werden, und dadurch ihn zu fragen: "Wie kann ich helfen?". Begleiten heisst, seinen Rhythmus, seinen Weg zu billigen. Es bedeutet, zum letzten und manchmal auch zum ersten Mal, ihm die Möglichkeit zu geben, so zu leben, wie er es sich wünscht, ihn als Subjekt und nicht als Objekt der Pflege zu achten. Wenn das Ende naht, werden Blicke, Momente der Stille, das Gefühl, Haut auf der eigenen Haut zu spüren, zu intensivem Erleben.

Dasein für den anderen fordert aktive, innere Bereitschaft. Bereitschaft, sich persönlich auf diesen Menschen einzulassen. Das ist keine Erholung. Begleiten fordert fortlaufende Selbstreflexion, um die eigenen Grenzen kennenzulernen, um dem anderen nicht die eigenen Gefühle und Werte überzustülpen.

Begleiten verlangt Qualitäten wie:

  • Offenheit gegenüber Andersdenkenden
  • die Fähigkeit, sich schnell wechselnden psychologischen Reaktionen anzupassen
  • die Fähigkeit, im Einklang mit seinen eigenen Gefühlen und dadurch authentisch zu sein

Begleiten bedeutet letztendlich, jenen Teil Einsamkeit, den es in jedem Leben und dadurch auch im Sterben gibt, anzunehmen.

Seelsorge

Ein individueller Gesichtspunkt in der Betreuung der Sterbenden ist die Seelsorge. Oftmals ist wahrzunehmen, dass die Kranken nichts dringender benötigen als jemanden, der sich um ihre Seele sorgt. Stellt man ihnen jedoch die Frage, ob sie einen Priester zu sprechen wünschen, lehnen sie dies häufig zunächst ganz entschieden ab. Diese strikte Ablehnung kann sich jedoch im Laufe des Krankheitsgeschehens verändern. Daher ist es wichtig, dass wir den Mut aufbringen, wieder und wieder nachzufragen. Gerade in den letzten Lebenstagen oder Stunden kann dieses Bedürfnis unerwartet stark auftreten. Manche Menschen können friedvoller über die Schwelle gehen, wenn sie noch mit einem Geistlichen gesprochen oder gebetet oder die Krankensalbung empfangen haben. Es wäre gut, wenn wir wachsam sein könnten für den Augenblick, in dem der Sterbende non verbal oder verbal nach dem Seelsorger verlangt.

Eine Sterbende hat ihren Wunsch an uns mit folgenden Worten weitergegeben:

Läuft nicht weg, wartet!

Ich weiss, Ihr fühlt Euch unsicher. Ihr wisst nicht, was Ihr sagen sollt. Aber glaubt mir bitte, wenn Ihr Euch sorgt, dann könnt Ihr gar keine Fehler machen. Es mag sein, dass wir Fragen stellen nach Warum und Wozu, aber wir erwarten nicht eigentlich Antwort. Alles, was ich wissen will, ist, dass da jemand sein wird, um meine Hand zu halten, wenn ich das nötig habe. Lauft nicht weg, wartet. Ich habe Angst. Für Euch mag der Tod eine Routine werden, aber für mich ist er neu. Ich bin noch nie zuvor gestorben. Ich habe eine Fülle von Dingen, über die ich gerne reden würde. Wenn wir nur ehrlich sein könnten, wenn wir nur unsere Angst zugeben und einander berühren könnten. Wenn Ihr Euch wirklich Sorgen macht, würdet Ihr dann wirklich so viel von Eurer wertvollen Souveränität verlieren, wenn Ihr sogar mit mir weintet, einfach von Person zu Person? Vielleicht wäre es dann nicht so hart, zu sterben in einem Krankenhaus, dann nicht, wenn wirkliche Freunde zur Seite sind.

Mit Sterbenden können wir mitleben aber nicht mitgehen. Sie müssen allein gehen und schaffen es, jeder, jede anders. Wir aber sind alle aufgefordert, sie gehen zu lassen und uns mit der Leere, die sie bei uns hinterlassen, auseinanderzusetzen. Zu trauern, um neu beginnen zu können, bis auch wir irgendwann, irgendwie alles, alle verlassen müssen.

Rechte des Sterbenden (Matthias Brefin)

übersetzt aus einem Arbeitspapier des "Southwestern Michigan Service Education Council" von 1975

  • Ich habe das Recht, bis zum Tod als lebendiger Mensch behandelt zu werden.
  • Ich habe das Recht, Hoffnung zu bewahren, auch wenn sich die Gründe meines Hoffens verändern, und von Menschen gepflegt und begleitet zu werden, die diese Hoffnung stützen.
  • Ich habe das Recht, meine Gefühle und Empfindungen, die der nahende Tod in mir auslöst, auf meine Weise auszudrücken.
  • Ich habe das Recht auf Mitbestimmung bezüglich der mich betreffenden Pflege.
  • Ich habe das Recht auf die volle Aufmerksamkeit der medizinischen und pflegerischen Möglichkeiten, selbst wenn ich offensichtlich nicht mehr geheilt werden kann.
  • Ich habe das Recht, nicht einsam sterben zu müssen.
  • Ich habe das Recht, nicht unnötig leiden zu müssen.
  • Ich habe das Recht, eine ehrliche Antwort auf meine Fragen zu erhalten.
  • Ich habe das Recht, nicht getäuscht zu werden.
  • Ich habe das Recht, dass meine religiösen Gefühle, Riten und Wünsche respektiert werden.
  • Ich habe das Recht auf den Beistand meiner Familie und Freunde, damit ich den Tod bejahen kann, und auch meine Angehörigen haben das Recht, Hilfe zu erhalten, damit sie meinen Tod besser akzeptieren können.
  • Ich habe das Recht, in Frieden und Würde zu sterben.