Angehörigenbetreuung und Angehörige in ihrer Trauer begleiten

Formen und Rituale um den Toten zu gedenken

 

Matthias Brefin, Spitalpfarrer aus Liestal spricht über Erfahrungen mit Symbolen und Ritualen:

Was mir in meiner Arbeit besonders wertvoll geworden ist, sind Rituale zur Bewältigung solcher Übergangssituationen: alte, zum Teil fast verlorengegangene, sowie neue, oft aus der Situation entwickelte. Symbole und Rituale helfen uns und dem sterbenden Menschen, greifen oft tiefer als Worte allein. Es können kirchliche Rituale sein wie das Abendmahl, die Krankensalbung oder ein Segen mit Handauflegung, aber auch ganz weltliche, über die ganze Welt verbreitete, wie die Lichtsymbolik, das verbrennen bestimmter Kräuter (oft Salbei, Rosmarin, Schafgarbe und Lavendel), die Betrachtung symbolträchtiger Bilder, das Anfassen spezieller Gegenstände (früher z.B. Kreuze, Rosenkranz), den persönlichen Gegenstand eines geliebten Menschen. Ganz praktisch kann es uns helfen, wenn wir uns in Ruhe vorstellen, wie wir selber einmal sterben möchten: In welcher Umgebung? Wer sollte dabei sein? Was möchte ich anschauen oder hören? Welche letzten Wünsche hätte ich? Solche Vorstellungen können uns helfen Wünsche unserer PatientInnen besser zu verstehen und zu erfüllen.

Sterbegebete, Gedächtnisse und andere Formen den Toten zu gedenken haben einen tieferen Sinn. Trauerzeremonien betrachte ich als wichtig (auch von der Kirche losgelöst, wie sie zum Beispiel im Hospiz, im Raum der Stille abgehalten werden), da sie uns die Möglichkeit bieten, uns auf etwas einzulassen. An der Beerdigung beispielsweise, dem Tag, an dem die Trauer öffentlich wird, lassen Menschen ihre Arbeit stehen, um sich mit wesentlichen Dingen des Lebens zu befassen. Bräuche und Rituale sind weitgehend in Vergessenheit geraten und gelten als altmodisch. Damit fehlen uns aber auch Möglichkeiten, besser mit Sterben, Tod und Trauer umzugehen. Wer trägt heute noch Trauerkleider oder einen Leidknopf? Sie ermöglichen, dass die Menschen auch nach aussen ihre Situation zeigen können und schaffen Anlass für Gespräche.

Daneben gibt es ganz private Gedenktage, die vielleicht so persönlich sind, dass nur man selbst von ihnen und ihrer Bedeutung weiss. Hier erleben wir eine Intimität der Trauer und des Gedenkens, die uns vielleicht einsamer macht, uns aber auch das Gefühl der Einmaligkeit und Unverwechselbarkeit gerade dieser Beziehung schenkt. Wir haben an solchen Tagen dann auch ganz individuelle Möglichkeiten der Gestaltung. Diese Rituale können sich ganz aus der Geschichte und den inneren Bildern die wir vom Verstorbenen und unserer Beziehung zu ihm haben, entfalten.

Hier seien nur einige wenige Möglichkeiten genannt, die Ihre eigenen Vorstellungen und Phantasien vielleicht anregen, oder Ihnen Mut machen können, für sich selber solche unkonventionelleren Formen zu finden. Sie können etwa im Gedenken an den Verstorbenen

  • Musik hören
  • etwas für ihn lesen
  • einen wichtigen Ort aufsuchen
  • ihm einen Wunsch erfüllen
  • Briefe lesen
  • sich mit Freunden austauschen und sich an den verstorbenen Menschen erinnern
  • Briefe an ihn schreiben
  • Fotos anschauen
  • Erinnerungsstücke aufstellen
  • seine Kleider tragen ...

Mit dem Voranschreiten der Zeit werden diese Handlungen sich verändern, vielleicht werden sie stiller, vielleicht bestehen sie weniger aus äusseren Tätigkeiten, als vielmehr aus einer inneren Hinwendung in der Form des besonderen Gedenkens oder Meditierens. Auch wenn sie mit der Zeit weniger werden, ist dies in Ordnung, denn es kann ein Zeichen dafür sein, dass der Tote ein stiller, alltäglicher Begleiter und Weggenosse Ihres Lebens geworden ist. Sie haben dann zu einer neuen, unsichtbaren, aber nicht weniger wirklichen Form der Gemeinschaft mit ihm oder ihr gefunden.