Angehörigenbetreuung und Angehörige in ihrer Trauer begleiten

Krise

 

Unser Umgang mit Tod und Sterben – verdrängen, verleugnen, nicht wahrnehmen – fördert unsere Angst vor dem Sterben und beraubt uns der Möglichkeit, uns den Tod nicht nur als bedrohend und qualvoll vorzustellen, sondern ihn als menschlich und sinngebend zu erfahren.

Angst vor dem Sterben ist meistens verbunden mit Angst vor Qualen und Schmerzen, Angst, die Kontrolle über unsere Funktionen zu verlieren, von anderen abhängig zu werden und unserer Umgebung zur Last zu fallen; Angst aber auch, der medizinischen Technologie und ihren Vertretern und Vertreterinnen ausgeliefert zu sein, entmündigt und fremdbestimmt zu werden.

Was ist eine Krise?

Krise (griechisch): Unsicherheit, bedenkliche Lage, Zuspitzung, Höhepunkt, Not, Entscheidung, Wendepunkt

Krise (chinesisch): Gefahr und Chance

Unser Leben verläuft nicht geradlinig. Jeder einzelne Lebenslauf ist gekennzeichnet durch eine Fülle von Lebensereignissen, die abrupt und unvorhergesehen eintreten können und die je nach Bedeutung, die ihnen beigemessen wird, dramatisch verlaufen und gravierende Auswirkungen auf die betroffene Person haben können. Es entsteht eine plötzliche Unterbrechung der Lebensnormalität. Anstelle der gewohnten Ordnung herrscht nun Chaos. Der Schock erzeugt eine Veränderung des Rhythmus. Nicht Leid, sondern Konfusion und Orientierungslosigkeit sind die ersten Auswirkungen eines Krisenereignisses (Adl-Amini 1992). Dies verlangt von der betroffenen Person Umorientierung in ihrem Handeln und Denken, was eine Auseinandersetzung mit den eigenen Werten voraussetzt.

Charakteristik einer Krise:

Eine Krise kommt dann zum Ausdruck, wenn ein für die Person belastendes Ungleichgewicht zwischen der subjektiven Bedeutung des Problems und den Bewältigungsmöglichkeiten, die ihm zur Verfügung stehen, entstanden ist. Identität, Kompetenz, das Leben einigermassen selbständig gestalten zu können, sind bedroht (Kast, 1988).

Der Ausdruck Krise wird für sehr viele Lebensbereiche gebraucht, sodass man annehmen darf, dass alles was lebendig ist, in eine Krise geraten kann. Krisen werden als Dringlichkeitssituationen erlebt: Der Mensch, der so ganz und gar von der Krise ergriffen ist, weiss keine Auswege mehr, ist in seinem Problemlösen aussergewöhnlich eingeschränkt. Er fühlt sich in solchen Situationen ganz und gar hilflos, hat den Eindruck, es werde sich nie mehr etwas zum Guten hin verändern.

Krise bedeutet und bedingt Entwicklung. Das heisst, jede Krise geht aus einer Entwicklung hervor und mündet in einer Entwicklung. Es ist jedoch schwer, in der aktuellen Krisensituation die Entwicklung zu erkennen. Krisen stören gewohntes Verhalten und lösen Möglichkeiten für Veränderungen aus. Krisen können das Selbstbewusstsein eines Menschen jedoch auch zerstören, falls keine geeigneten Bewältigungsstrategien gefunden werden. Eine Krise lässt sich nicht an der Schwere des Ereignisses bestimmen. So können wir nicht sagen, dass ein bestimmtes Ereignis unbedingt zu einer Krise führen muss. Wie auf dieses bedeutsame Lebensereignis reagiert wird und wie es wahrgenommen wird, ist sehr individuell.

Arten von Krisen

Zufallskrisen:  Plötzliche Erkrankung, Unfall, Entlassung, Arbeitslosigkeit, Verlust von Einkommen, Verlust des Status, Verlust der Sicherheit, Scheidung/Trennung

Identitätskrisen:  Veränderung z.B. Körperlichkeit, Soziales Netzwerk, Arbeit und Leistung, Materielle Sicherheit, Werte

Entwicklungskrisen: Geburt, Pubertät / Adoleszenz, Partnersuche, Heirat, Schwangerschaft, Menopause, Tod, Plötzlicher Tod

Auswirkungen von Krisen

Ein kritisches Lebensereignis, das zu einer Krise unterschiedlicher Stärke führen kann:

  • Ist für die betroffene Person subjektiv bedeutsam und von starker emotionaler Beteiligung geprägt.
  • Beinhaltet eine Veränderung im bisherigen Lebensmuster.
  • Wirkt überwältigend, lähmend, zerstörend.
  • Gedankengänge werden diffus.
  • Gefühle sind sehr ambivalent und unkontrollierbar.

Krisenintervention

  • Mit der Krise in Kontakt kommen. (Krise = Aufgabe). Chance und Bedrohung sehen.
  • Angst wahrnehmen und aufnehmen.
  • Überblick schaffen helfen: Wo ist das Hauptproblem? (Nicht bloss der Auslöser.)

    Ziel

  • Stabilisierung der gefährdeten Bereiche durch Entlastung, externe Ressourcen, Beruhigung.
  • Hinführen zu einer realistischen Selbst-, Fremd- und Situationswahrnehmung.
  • Einbezug des sozialen Netzwerkes.
  • Neue Einstellungen, Verhaltensweisen und Bewältigungsformen entwickeln helfen.

Die Rolle der Begleiter in Krisensituationen

  • Verhalten: Sich sorgen um den Anderen
  • Guter Zuhörer/in sein
  • Sich einfühlen in die Situation und die eigenen Gefühle mitteilen
  • Stress / Angst erkennen und zugestehen (Anteilnahme)
  • Verständnis mitteilen
  • Helfen, dass der Betroffene und seine Angehörigen ihre Gefühle und Gedanken aussprechen können
  • Stellvertretend wahrnehmen, was das Gegenüber wirklich beschäftigt
  • Subjektive Belastung immer wieder neu einschätzen
  • Den Betroffenen dort abholen wo er sich gerade befindet
  • Keine Ratschläge
  • Kein schnelles Lösen des Problems
  • Keine Lösung "auftischen"
  • Keine wertende Beurteilung des Schweregrades des Ereignisses
  • Das Finden von Alternativen und das Entscheiden erleichtern